{"id":10713,"date":"2023-05-23T14:46:00","date_gmt":"2023-05-23T12:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sigmund-freud-institut.de\/?p=10713"},"modified":"2023-06-05T11:47:05","modified_gmt":"2023-06-05T09:47:05","slug":"nachruf-fuer-prof-dr-heinrich-deserno-17-09-1945-14-02-2023-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sigmund-freud-institut.de\/index.php\/2023\/05\/23\/nachruf-fuer-prof-dr-heinrich-deserno-17-09-1945-14-02-2023-2\/","title":{"rendered":"Nachruf f\u00fcr Prof. Dr. Heinrich Deserno 17.09.1945 \u2013 14.02.2023"},"content":{"rendered":"\n<p>Das \u201eSigmund-Freud-Institut. Forschungsinstitut f\u00fcr Psychoanalyse und ihre Anwendungen\u201c trauert um Prof. Dr. med. Heinrich Deserno.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich Deserno war ab 1981 beinahe 30 Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Psychoanalytiker in Forschung und Klinik am Sigmund-Freud-Institut (SFI) in Frankfurt\/M. t\u00e4tig. Von 2005 bis 2010 leitete er \u00fcberdies die Ambulanz des Instituts, war Mitglied des Direktoriums und zudem besonders engagiert im Bereich der Psychotherapieforschung. Heinrich Deserno forschte, u.a. ankn\u00fcpfend an vorausgehende Erfahrungen in der Abteilung von Stavros Mentzos in der Psychosomatischen Abteilung des Universit\u00e4tsklinikums Frankfurt, zu Angstst\u00f6rungen und ihren Behandlungsm\u00f6glichkeiten im Kontext psychoanalytischer Settings und f\u00fchrte am SFI gemeinsam mit Marianne Leuzinger-Bohleber eine Studie zur Langzeittherapie von chronisch depressiven Patienten durch. Heinrich Deserno initiierte im Zuge dessen das bis heute fruchtbare Format der \u201aKlinischen Konferenzen\u2018 am SFI, in denen gemeinsam mit niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten klinische Fragen er\u00f6rtert, Forschungskonzepte und Kasuistiken diskutiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Schwerpunkte lagen, auch disziplin\u00fcbergreifend und dabei u.a. auf Fritz Morgenthalers Traumstudien und Traumseminare bezugnehmend und in Zusammenarbeit mit Reimut Reiche, in der vertieften Auseinandersetzung mit Traum und \u00dcbertragung sowie mit Varianten der Traumanalyse. Heinrich Deserno untersuchte anhand von Fallrekonstruktionen die Dynamik von Traumerlebnissen und Traumerz\u00e4hlungen im Zusammenhang des psychoanalytischen Prozesses sowie die Interferenzen von Traum und \u00dcbertragung im therapeutischen Setting. Er arbeitete spezifische Erkenntnism\u00f6glichkeiten bei der Erforschung von Traumserien heraus und publizierte \u00fcber die narrativen und bildhaften, kommunikativen und in die \u00dcbertragungsbeziehung eingebetteten Dimensionen der Untersuchung von Tr\u00e4umen. In dem von ihm herausgegebenen Band \u201eDas Jahrhundert der Traumdeutung. Perspektiven psychoanalytischer Traumforschung\u201c bot er einen \u00dcberblick \u00fcber die psychoanalytische Traumforschung seit Freud als einen wesentlichen Bereich psychoanalytischer Grundlagenforschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Desernos Untersuchungen der Prozesse psychischen Arbeitens waren auch angeregt durch die Kooperation mit der Abteilung f\u00fcr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Universit\u00e4tsklinikum Ulm. Im Rahmen der \u201aUlmer Forschungswerkstatt\u2018 war er gemeinsam mit Horst K\u00e4chele in Arbeitsgruppen und Workshops aktiv, die sich mit der Auswertung von Transkripten gem\u00e4\u00df dem Verfahren des Zentralen Beziehungskonfliktthemas (ZBKT, Luborsky) besch\u00e4ftigten und Aufzeichnungen von Analysestunden auswerteten. Die Prozessforschung war f\u00fcr Heinrich Deserno von besonderer Bedeutung, auch weil sie die psychoanalytischen Theorien zur \u00dcbertragung, zum Arbeitsb\u00fcndnis und dem therapeutischen Prozess auf minuti\u00f6s rekonstruierbare Therapieverl\u00e4ufe zu beziehen erlaubte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit im Zentrum seiner wissenschaftlichen T\u00e4tigkeiten lagen vor diesem Hintergrund zudem psychoanalytische Konzeptforschung und Theoriebildung. In seiner Monographie \u00fcber das Arbeitsb\u00fcndnis pl\u00e4dierte er f\u00fcr ein konsequentes radikales Verst\u00e4ndnis von \u00dcbertragung und kritisierte das f\u00fcr die psychoanalytische Arbeit viel rezipierte Konzept des Arbeitsb\u00fcndnisses von Ralph Greenson, das meist als eine Art \u201arationaler\u2018 Basis der Arbeit mit dem Patienten aufgefasst wurde. Deserno zeigte dabei auf, dass dieses Konzept dazu tendiere, die Beteiligung des Analytikers an der Gestaltung des \u00dcbertragungsprozesses auszublenden. Und er ging davon aus, dass die Annahme, es g\u00e4be im analytischen Setting gleichsam Bereiche \u00bbau\u00dferhalb\u00ab der \u00dcbertragung geradezu \u201ezum Einfallstor unhinterfragter gesellschaftlicher, an Arbeits- und Leistungsbegriffen orientierter Konventionen werden kann\u201c. Eine unreflektierte Orientierung am Konzept des Arbeitsb\u00fcndnisses unterminiere daher, so seine Kritik, auch das kritische und emanzipatorische Potential der Psychoanalyse.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich Desernos disziplin\u00fcbergreifendes Interesse brachte sich in unterschiedlichen Forschungen und Publikationsschwerpunkten zum Ausdruck: Im Bereich der Geschlechtertheorie befasste er sich insbesondere mit der Psychoanalyse der M\u00e4nnlichkeit. In seinen theoretischen Arbeiten zum psychoanalytischen Symbolbegriff und zur Symbolisierung ging es ihm zugleich um Grundlagen auch f\u00fcr die interdisziplin\u00e4ren Kooperationszusammenh\u00e4nge mit Literatur- und Kulturwissenschaften und um methodische Fragen der Deutung von Kunstwerken. Er verfasste verschiedene Beitr\u00e4ge zur Literaturanalyse, etwa Interpretationen von Novellen von Dieter Wellershoff, und war zudem beratendes Mitglied des Freiburger Arbeitskreises \u201aLiteratur und Psychoanalyse\u2018. Gemeinsam mit seiner Frau Susanne Graf-<\/p>\n\n\n\n<p>Deserno publizierte er \u00fcber psychoanalytische Teamsupervision. Dar\u00fcber hinaus engagierte er sich in verschiedenen Institutionen in Lehre und Ausbildung, als Supervisor und Lehranalytiker der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung; bis zu seinem Wechsel an die IPU Berlin f\u00fchrte er kontinuierlich Lehranalysen durch. \u00dcbergreifend f\u00f6rderte Heinrich Deserno in seiner zugewandten und f\u00fcrsorglichen Haltung zahlreiche j\u00fcngere Kollegen und Kolleginnen in klinischen und wissenschaftlichen Kontexten. Als er 2010 an die Internationale Psychoanalytische Universit\u00e4t in Berlin wechselte und dort eine Professur bekleidete, f\u00fchrte er als Hochschullehrer dieses Engagement und viele seiner Arbeitsschwerpunkte fort und setzte zugleich neue Impulse.<\/p>\n\n\n\n<p>In dankbarer Erinnerung nehmen wir Abschied von einem \u00fcber so viele Jahre am Sigmund-Freud-Institut kompetent und kreativ wirkenden Kollegen und Lehrenden, einem engagierten Psychoanalytiker und vielseitigen Wissenschaftler.<\/p>\n\n\n\n<p>Vera King, f\u00fcr das Direktorium und Institut<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u201eSigmund-Freud-Institut. Forschungsinstitut f\u00fcr Psychoanalyse und ihre Anwendungen\u201c trauert um Prof. Dr. med. Heinrich Deserno. Heinrich Deserno war ab 1981 beinahe 30 Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Psychoanalytiker in Forschung und Klinik am Sigmund-Freud-Institut (SFI) in Frankfurt\/M. t\u00e4tig. 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