Nachruf

Nachruf auf Dr. med. Ingrid Kerz-Rühling
(27.04.1941 – 04.03.2026)

Am 4. März 2026 verstarb unsere sehr geschätzte Kollegin Dr. Ingrid Kerz-Rühling, die von 1977-2006 wissenschaftliches Mitglied des Sigmund-Freud-Instituts war und dort ab 1986 bis zu ihrem Ausscheiden die Ambulanz des Instituts leitete. Ab 1995 war sie auch Mitglied, Dozentin und Lehranalytikerin im neu gegründeten Frankfurter Psychoanalytischen Institut. Ferner war sie von 1985-2008 Mitglied der Weiterbildungsgemeinschaft für den Zusatztitel Psychoanalyse der Landesärztekammer Hessen und von 1988-2006 Mitglied der Deutschen und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Und über lange Jahre war sie Mitglied der Sigmund-Freud-Stiftung.

In Kassel geboren machte sie dort ihr Abitur, um dann in Frankfurt Medizin zu studieren, was sie 1967 mit dem Staatsexamen abschloss. 1968 promovierte sie an der medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt, war anschließend für ein halbes Jahr am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München (1970), bevor sie an der Universitätsklinik in Frankfurt ihre Facharztweiterbildung begann (1970-1976). Gleichzeitig begab sie sich in psychoanalytische Weiterbildung am SFI (1971-1978), damals noch ein Ausbildungsinstitut der DPV. Ab 1977 wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFI, das zu der Zeit von Mitscherlichs Nachfolger Hermann Argelander geleitet wurde. Von 1984-1988 absolvierte sie eine weitere Ausbildung zur Gruppenanalytikerin.

Als Dozentin und später als Ausbildungsleiterin am SFI hat sie sich sehr um die noch im Neuaufbau befindliche Psychoanalyse durch die Entwicklung eines Curriculums, durch ihre Lehrtätigkeit und klinisch als Lehranalytikerin verdient gemacht. Aus ihren klinischen Veröffentlichungen sind besonders die über Herzinfarkt, Zwangsneurose und Folie à deux hervorzuheben, ebenso die über das Verhältnis von „Psychoanalyse und Unterschicht“. Ihre Beiträge in der Auseinandersetzung um den wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse durchzieht wie ein roter Faden ein Plädoyer für eine empirisch orientierte Psychoanalyse, welches sich gegen deren hermeneutische Fassung aussprach. Sie trat entschieden dafür ein, Freuds naturwissenschaftlichen Anspruch auf ein kausales Erklären klinisch und wissenschaftlich einzulösen. Gegen die reine Sinnkonstitution einer Lebensgeschichte vertrat sie deren kausale Erklärung i. S. einer objektiven Wahrheit. Nach 1989 bzw. der deutschen Wiedervereinigung wandte sie sich wissenschaftlich den psychischen Folgen der Diktatur zu, untersuchte die Motive inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, die pädagogische Ausrichtung von Lehrern in der DDR und in Tschechien (zusammen mit Tomas Plänkers), sowie die Krippenerziehung in der DDR (zusammen mit Agathe Israel). In zahlreichen Fachbeiträgen für renommierte psychoanalytische Zeitschriften, in Büchern und Vorträgen machte sie die Ergebnisse ihrer Forschungen publik.

Nach ihrem Ausscheiden aus dem SFI engagierte sie sich im „Verein gegen das Vergessen“ – ein Netzwerk, das sich seit 1993 für Demokratie und gegen Extremismus einsetzt.

Durch ihren 20 Jahre zurückliegenden Abschied aus dem SFI und FPI ist sie der jüngeren Generation in beiden Instituten nur wenig bekannt. Dennoch gibt es zahlreiche ältere Kolleg*innen, die noch lebhafte Erinnerungen an Ingrid Kerz-Rühling haben. Die gegenwärtigen und ehemaligen Mitglieder des Sigmund-Freud-Instituts trauern um ihr ehemaliges, wissenschaftlich so aktives Mitglied.

Tomas Plänkers und das Direktorium des SFI